Überlegungen zum Petrus-Weg

1. Vorläufer des Petrusweges

Wir haben bis zum Start des Petrus-Wegs im März 2013 einen etwa sechs Jahre dauernden Prozess zurückgelegt, der uns zuversichtlich gemacht hat für die Zukunft unserer Pfarrei. Dieser Weg hat uns sehr bereichert und in der Pfarrei einen Generationswechsel ermöglicht. Er stellt uns aber auch vor weitere Herausforderungen, zu deren Bewältigung wir u.a. die Unterstützung des Erzbistums benötigen. Zugleich sind wir der Meinung, dass unsere Erfahrungen dem ganzen Erzbistum und der Entwicklung seiner zukünftigen Pastoral zugutekommen können.

Im Rückblick erkennen wir, dass das Konzept des Petrus-Wegs sich recht organisch aus den früherendrei Schwerpunkten unserer Pastoral entwickelt hatte:

  1.  Geistliche Prozesse für einen Weg erwachsenen Glaubens anstoßen 
    Regelmäßige Exerzitien im Alltag, Biografie-orientierte Bibelarbeit in kleinen Gruppen - nicht identisch mit „Bibel-Teilen“ -, individuelle geistliche Begleitung etc..
  2. Arbeit an den "Zeichen der Zeit", 
    welche die säkulare Gesellschaft als Chance und Herausforderung für das „Heute Gottes“ erkennt, statt sie unter dem Blickwinkel einer „apokalyptischen Verfallsgeschichte“ zu betrachten. (Gesprächskreise und Predigten zu aktuellen Themen). 
  3. Strukturierung einer dialogisch ausgerichteten Pastoral mit den fünf Säulen:
    • Orte und Zeiten für Begegnung und Dialog
    • Begegnung mit der zeitgenössischen Kultur und Gesellschaft
    • Begegnung mit dem „Armen Christus"
    • Gemeinsame Wege erwachsenen Glaubens
    • Feier des Glaubens
     

2. Entstehung des Petrus-Wegs - ein Konzept, kein Modell

Äußerer Anstoß für die Entwicklung des Petrus-Wegs war die beabsichtigte Fusion der drei Pfarreien St. Johann Baptist & Petrus, St. Joseph, St. Marien. Seitens der ehrenamtlichen Mitverantwortlichen war die Zustimmung zur angedachten Fusion nur durch die Zusicherung zu erreichen, dass keine der in den Pfarreien lebendigen Aktivitäten durch die Fusion infrage gestellt würde. Auf der Suche nach einem Vorbild, um dieser Zusicherung gerecht zu werden, stießen wir auf den in der Erzdiözese Poitiers seit ca. 20 Jahren im Gang befindlichen Prozess der pastoralen Neuorientierung.

Als erstes überraschte und überzeugte uns, dass dort vor allen endgültigen strukturellen Veränderungen einmehrjähriger Konsultationsprozess stand, welcher quer durch das Bistum alle Engagierten einbezog. Erst am Ende dieses Prozesses wurden die diözesanen Strukturen definitiv festgelegt. 

Zuvor ging es um eine inhaltliche Neubesinnung u.a. auf folgenden Themenfeldern:

  • Die bis heute wirkmächtige Kraft des Evangeliums vermag es, sich auf dem Weg durch Geschichte immer wieder neue, der Zeit gemäße Formen christlichen Zeugnisses und kirchlicher Präsenz zu schaffen. 
  • Wie und wo wird Kirche heute erkennbar, welch "neues Gesicht" wird sie heute haben, wenn sie sich von der Wirkmächtigkeit des Evangeliums in Dienst nehmen lässt?

Hier vollzieht sich  ein folgenreicher Perspektivwechsel in der Pastoral. Im Focus steht nicht primär die Sorge der Ortskirche um ihren eigenen Bestand und um den Zuspruch zu ihrem "sakramentalen Angebot". Vorrangig ist vielmehr ein ungeheucheltes Interesse an den Menschen, ihren Gaben und Lasten, ihrem Scheitern und ihrer Sehnsucht, unabhängig von ihrem religiösen bzw. kirchlichen Status. Damit verbunden ist das unaufdringliche Angebot, diese Lebenserfahrungen mit den Augen des Glaubens bzw. des Evangeliums zu betrachten und zusammen mit der Kirche in den Sakramenten zu feiern.  

Wo sich für die Grundvollzüge „Diakonischer Dienst, Zeugnis des Glaubens sowie Gebet und Feier des Glaubens“ Christinnen und Christen finden und rufen lassen, können Menschen mit einer „Kirche der Nähe“ in eine Beziehung kommen.

  • Wo sieht diese Kirche ihren Ort, wie findet und versteht sie ihre Verantwortung in der heutigen Gesellschaft?  

  • Christen können und sollen in dieser Gesellschaft die Wirksamkeit des Heiligen Geistes entdecken, auch jenseits kirchlicher Sprache und Strukturen. 

  • Im Bewusstsein ihrer Sendung können sie angstfrei Koalitionen mit nicht-kirchlichen Initiativen in der Gesellschaft eingehen, die sich aus anderer Motivation der Humanisierung der Gesellschaft verschreiben.

  • Sie selbst sind berufen und befähigt, dort mehr und mehr Zeugen der befreienden Liebe Gottes zu werden.

  • Wer sind die Träger der Pastoral dieser erneuerten Kirche? In welchem Verhältnis stehen sie mit ihren verschiedenen Charismen und Verantwortlichkeiten zu einander?

Auch hier kommt es mit der ernsthaften Akzeptanz des „Gemeinsamen Priestertum aller Getauften“ zu einem Perspektivwechsel. Träger dieser Pastoral sind wesentlich die Getauften und Gefirmten. Sie sind nicht länger als „Helfer und Helferinnen der Priester“ anzusehen, die um den Priester kreisen. Vorrangige Aufgabe des „Weihe-Amtes“ ist der Dienst an den „Akteuren des Evangeliums“, um diese für ihre Berufung und ihr Engagement stark zu machen.

  • Welche Strukturen braucht diese Kirche heute, um ihre Sendung zu verwirklichen? 

„Kirche der Nähe“ hat als Basis eine Vielzahl von „Gemeinden“ bzw. „Gemeinschaften“, für die eine „Gemeinde-Equipe“ durch den Bischof oder seinem Stellvertreter für die Dauer von drei Jahren – mit der Möglichkeit einer einmaligen Verlängerung - berufen und eingesetzt werden. Die Tätigkeiten der Beauftragten richten sich innerhalb der Bereiche, für die sie berufen sind, nach den örtlichen Gegebenheiten und nach ihren eigenen Charismen. Die verschiedenen Equipen tauschen sich untereinander aus. Mit der Pfarrei sind sie durch die Mitgliedschaft ihres Moderators / ihrer Moderatorin im PGR verbunden und durch regelmäßige Kontakte mit dem leitenden Pfarrer.

Die Pfarrei mit ihrer Vielzahl von Gemeinden / Gemeinschaften ist nicht nur eine organisatorische bzw. verwaltungsmäßige Größe, sondern ein theologisch bedeutsamer Ort. An ihm geschieht Sammlung, Feier des Glaubens und Vergewisserung über die jeweils bedeutsamen „Zeichen der Zeit“.

3.   Schwerpunkte im Konzept des Petrus-Wegs 

Die oben skizzierten Eckpunkte der Pastoral des Erzbistums von Poitiers bilden das Rückgrat für das Konzept des Petrus-Wegs. Weitere Einzelheiten dazu sind dem Artikel „Ehrenamt im Konzept des Petrus-Wegs?“ von Peter Adolf zu entnehmen. Einige Schwerpunkte, z.T. erwachsend aus den Erfahrungen mit diesem Konzept seit seiner In-Kraft-Setzung im März 2013, sollen hier herausgestellt werden.

(1) Kirche der Nähe in einer „Kultur des Vertrauens“

Angesichts der zunehmenden Unübersichtlichkeit und Anonymität pastoraler Großräume könnte das Konzept des Petrus-Wegs missverstanden werden als eine Chance, überkommene Formen kirchlichen Lebens bzw. kirchliche Strukturen zu retten, zumal, wenn die territorialen Grenzen der „örtlichen Gemeinden“ mit denen der früher selbstständigen Pfarreien identisch sind. Solche Versuche sind auf Dauer zum Scheitern verurteilt, sind in St. Petrus schon an einer Stelle gescheitert, weil sich in einer der drei Gemeinden trotz großen Bemühens keine „Gemeinde-Equipe“ bilden ließ. Zu schwer wogen die Erwartungen, welche auf dort auf potentiellen Interessenten lasteten. Sie sahen sich unabwendbar damit konfrontiert, dort als „Ehrenamtler“ die gleichen Aktivitäten zu stemmen, welche die klassische Form der überkommenen „Versorgungskirche“ kennzeichneten.

Erst das beherzte Eingeständnis vom Ende dieser Art von Klerus-zentrierter Kirche, die Bereitschaft zum Mentalitätswechsel der pastoralen Akteure und das Vertrauen in die vom Geist Gottes zugesagten Charismen werden dem „neuen Gesicht von Kirche“ zum Durchbruch verhelfen können. Daher lebt der Petrus-Weg von einer „Kultur des Vertrauens“ inmitten aller Umbrüche. Dieses der Geistkraft Gottes geschuldete Vertrauen benötigen dann gleichermaßen die „Akteure des Evangeliums“, ihrer Glaubens- und Lebenskompetenz, von Seiten der Hauptamtlichen,  wenn der Petrus-Weg auf Dauer Bestand haben soll.

„Kirche der Nähe“ zu leben verlangt daher – in der Pfarrei St. Petrus und andernorts - auf Dauer auch weitere „Zellteilungen“, d.h. eine stärkere Kleinteiligkeit der Räume und eine größere Vielgestaltigkeit der in ihnen aktiven Gemeinde-Equipen. Nur so kann bei den Gläubigen ein „Empfinden der Zugehörigkeit“ entstehen, welches „Ursprungsgrund für Wachstumsprozesse im Glauben“ (Ch. Hennecke) werden kann.

(2) Kultur des Rufens

Die Pfarrei St. Petrus durfte erfahren, wie viel geistliche Energie und welch große Freude freigesetzt wurden,  wenn Gläubige existentiell erlebten, gerufen zu sein, und wenn ihnen echtes Vertrauen in ihre je eigene, unersetzbare Glaubens- und Lebenskompetenz entgegen gebracht wurde. Es ist außer­ordent­lich wichtig sie zu ermutigen, sich als Mitglieder der Gemeinde-Equipe nicht von den Erwartungen einer „Versorgungskirche“ erdrücken zu lassen, sondern im Rahmen ihrer Verantwort­lichkeit ihre je eigenen Charismen zur Geltung zu bringen. 

„Nicht die Kirche (und ihre Gestalten) haben eine Mission, sondern die konkrete Sendung führt zu einer konkreten Kirchengestalt“ (Ch. Hennecke).

Daher ist es vorstellbar und wünschenswert, wenn zusätzlich zu den vier Verantwortungsbereichen der Gemeinde-Equipe weitere entstehen, die mit dem Ende einer Berufungsperiode auch wieder verschwinden dürfen. Die Mitglieder der Equipe sollen darüber hinaus selbst „Rufende“ sein, achtsam für jene, die mit ihrer Berufung die Gemeinde bereichern wollen und können. Sie zu ermutigen und ihnen zu einem Ort des Wirkens zu verhelfen, ist ein wichtiger Aspekt ihres Dienstes.

Der „Prozess des Rufens“ kann für die örtliche Gemeinde bzw. für die ganze Pfarrei ein Element der Dynamisierung werden, wenn alle eingeladen sind, sich nach ihrer eigenen „Berufung“ und der ihrer Mitchristen zu befragen und sich durch Vorschläge an diesem Prozess zu beteiligen. Dieser endet nicht mit der Einsetzung einer Equipe, sondern läuft – bedingt durch die zeitliche Begrenzung ihres Wirkens–  untergründig immer mit und kann so zu einer Haltung „geistlicher Wachheit“ beitragen.

Wer ist wozu berufen? – Wenn die „Kultur des Rufens“ ein wesentlicher Zug im Bild der neuen Gestalt von Kirche sein soll, sind Prozesse des Unter- und Entscheidens notwendiger Bestandteil des Gemeindelebens. Sie rufen nach einer Kompetenz zur„Unterscheidung der Geister“.  Diese nur beim leitenden Priester bzw. beim Team der Hauptamtlichen anzusiedeln, widerspräche dem Charakter des Gemeinsamen Priestertums aller Getauften und ihrer Verantwortung für die Pastoral. Dennoch fällt sie uns nicht schon mit der Taufe in den Schoß, sondern kann und muss erlernt werden, auch und gerade in Gruppen in der Pfarrei. Hier tut sich ein bedeutsames Wirkungsfeld für die Hauptamtlichen auf. 


(3) Ein neuer Leitungsstil

Soll die Transformation der Pfarrei gelingen, ist dafür eine Neuformatierung des priesterlichen Weiheamtes eine wesentliche Voraussetzung. Unterbleibt sie, steht das Konzept des Petrus-Wegs mit seinen "Akteuren des Evangeliums" auf tönernen Füßen. Das II. Vat. Konzil hat das Weiheamt deutlich als „Dienstamt“ (ministerium) markiert. Eine örtliche Gemeinde verzichtet nicht etwa auf Priester, sie empfindet gerade deren Notwendigkeit. Die Veränderung im Stil der pastoralen Amtsausübung verbietet jede Form geistlicher Machtausübung. Der Priester ist Diener der Einheit in der Verschiedenheit der Charismen und steht der Feier der Sakramente vor. „Schließlich ist er das lebendige Zeichen für den Anderen und weist so darauf hin, dass das Leben der Kirche  in Christus, dem Haupt der Kirche, wurzelt… Als Zeichen für den Anderen ist er zugleich auch das Zeichen für all die anderen…“ (R. Feiter). Er steht dafür ein, dass diese nicht herausfallen aus der Wahrnehmung der Gemeinden. 

Somit ist der Priester nicht das Zentrum der Gemeinden bzw. der Pfarrei, sondern kreist gleichsam um diese und ist besorgt, sie zu ihrem Dienst zu befähigen. Er trägt Sorge für die notwendige Unterscheidung zwischen der weiterhin erforderlichen Fachkompetenz der hauptamtlichen Mitglieder des Pastoralteams und den Charismen der Berufenen. Das Vertrauen in die Wirksamkeit des Geistes in den Getauften befreit ihn von dem Druck, für alle wesentlichen Vollzüge der Kirche vor Ort der Letztverantwortliche zu sein.  


4.  Unsere Wünsche und Vorschläge an den Erzbischof

(1)  Das Konzept des Petrus-Wegs übernimmt von Poitiers bewusst seine Rückbindung an den Bischof. Dies drückt sich in der Liturgie zur Einsetzung der Gemeinde-Equipen aus, die in Anwesenheit des Bischofs oder eines seiner Stellvertreter gefeiert wird. Wir wünschen uns, dass diese bisher in Bonn geübte Praxis beibehalten wird.

(2)   In wesentlichen Grundlagen unseres pastoralen Konzepts stimmen wir überein mit den Vorstellungen, die Kardinal Woelki in seinen beiden Hirtenworten 2015 / 2016 dem Erzbistum vorgelegt hat. Mit dem Konzept des Petrus-Wegs sehen wir uns hingegen in Bonn und im Erzbistum eher auf einer Insel, umschlossen von weitgehend traditionellen Kirchenkonzepten. Auch innerhalb der Pfarrei St. Petrus gibt es angesichts des veränderten Kirchen- und Gemeindeverständnisses einige Skepsis und beharrlichen Widerstand bei eher klerikal-fixierten Mitchristen. Auf Dauer braucht der Petrus-Weg mehr als freundliches Wohlwollen, um eine nachhaltige Veränderung der pastoralen Landschaft zu bewirken. Wir fürchten, dass die neuen Impulse, solange sie nur in den Zusammen­künften auf Bistumsebene zur Sprache kommen, unter der Last der Alltagsbewältigung versickern und nicht zu einem echten Mentalitätswechsel in der Pastoral führen. 

Es ist nicht unsere Absicht, den Petrus-Weg als Königsweg für jede Pfarrei des Erzbistums zu propagieren. Die verschiedenen örtlichen Gegebenheiten lassen auch andere Konzeptionen sinnvoll erscheinen. Die theologischen und spirituellen Voraussetzungen hinter dem Konzept des Petrus-Wegs sind nach unserer Einschätzung jedoch für alle Pfarreien des Erzbistums höchst aktuell. Ihre Akzeptanz kann nicht von oben verordnet werden. Sie bedarf auf dem Hintergrund fundierter Information eines intensiven Gesprächsprozesses und dialogischer Aneignung

Wir wünschen uns daher in naher Zukunft einen umfassenden Dialogprozess für das Erzbistum mit der Zielvorgabe einer grundlegenden Erneuerung der Pastoral ("Umkehrprozess“), der möglichst alle Pfarreien, die Bistumsregionen sowie die beratenden Gremien und Entscheidungsträger auf Bistumsebene umfasst. Dieser Prozess böte u.a. die Chance, das "Erkennen der Zeichen der Zeit" einzuüben und in den verschiedenen Gruppierungen die Kunst der "Unterscheidung der Geister" zu erlernen. Diese beiden Kompetenzen sind unserer Meinung nach unverzichtbare Fähigkeiten für die Entwicklung einer neuen Gestalt von Kirche in der Welt von heute.

(3)  Für die Umsetzung des Konzepts des Petrus-Wegs und seine Nachhaltigkeit braucht es gezielte Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten  - sowohl für die hauptamtlich und leitend Engagierten, als auch für die „Ehrenamtler“ (besser: Akteure des Evangeliums). Es wäre wünschenswert, wenn die bestehenden Bildungseinrichtungen ihre Programme für die spezifischen Themenschwerpunkte, die dem Konzept des Petrus-Wegs zugrunde liegen, öffnen würden. Die Initiatoren des Petrus-Wegs sind bereit zur Mitarbeit an dieser Aufgabe.

Bonn, 21.08.2016 pad