Fronleichnam 2018


Christus unter den Menschen

Die Fronleichnamsprozession im Bonner Norden in ökumenischem Geist 

Volles Glockengeläut in einer evangelischen Kirche am Fronleichnamstag – das Allerheiligste, das mit der Heiligen Schrift zusammen durch die Straßen des Bonner Nordens getragen wird – der Segen, den die Christen ihren Mitchristen und allen Menschen in ihrem Viertel, Alten und Jungen, als Gemeinschaft spenden: Es sind diese und auch noch andere Zeichen, die am 31. Mai 2018, dem Fronleichnamstag, augenfällig machten, dass Christus unter den Menschen anwesend ist – in seinem Wort und unter den Zeichen von Brot und Wein in der Gemeinschaft der Christen – und dass diese Anwesenheit heilsam und segensreich für die Menschen ist.

Papst Franziskus sagte in einer der Besprechungen  v o r  dem Konklave, das ihn schließlich zum Papst wählte, dass die Kirche nach draußen, auf die Straße gehen müsse. Das meinte der spätere Papst sicher vor allem als Metapher, aber nichtsdestoweniger feiern wir Katholiken seit Jahrhunderten dieses Auf-die-Straße-Gehen am Fronleichnamstag. An diesem Fest gehen wir buchstäblich mit allem, was wir haben, Kreuz, Kerzen, Fahnen, Weihrauch, vor allem natürlich mit dem Allerheiligsten in der Monstranz, als Gemeinde mit Kind und Kegel nach draußen, um dem Viertel und – pars pro toto – der ganzen Welt, in alle vier Himmelsrichtungen den Segen Gottes zu bringen. Es sei – so gab uns der Liturgiewissenschaftler Prof. Albert Gerhards an einem Gesprächsabend im Vorfeld der Prozession mit auf den Weg – sogar unsere diakonische Pflicht, diesen Segen, den wir selbst in der Kommunion, in der Gemeinschaft mit Jesus Christus empfangen haben, weiterzugeben.

Aber was zeigen wir da? Was nehmen wir mit? Die Pracht einer Fronleichnamsprozession diente lange Jahrzehnte sicher auch der Darstellung, dass die Katholische Kirche gegen alle Anfechtungen das richtige und wahre Verständnis der Eucharistie habe. Sie diente gerade in der Zeit der Gegenreformation sicher auch der Klarstellung von theologischen Streitfragen. Und dennoch steht am Anfang dieser Entwicklung die Vision und das kontemplative Leben der jungen Augustinernonne Juliane von Lüttich, der es allem Anschein nach nicht nur um die Verherrlichung der Eucharistie ging, sondern auch um die Weitergabe der Verheißung Jesu Christi: „Seht, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20). Diesen Satz meditierte sie immer wieder und praktizierte ihn durch die Weitergabe der Kommunion an die Kranken in der Umgebung. So waren das Vertrauen und der Glaube an die Gegenwart Jesu im Altarsakrament immer schon verbunden mit der Verpflichtung zur Weitergabe seiner Zusage an alle Menschen: Er hat uns sozusagen nicht nur seinen Leib, sondern auch sein Wort gegeben.

Thomas von Aquin hat zum Fronleichnamsfest einen Hymnus geschrieben, der das Vertrauen auf die bleibende Gegenwart Christi in besonderer Weise zum Ausdruck bringt: „Gottheit tief verborgen...“, „Adoro te devote“. In immer neuen Anläufen verdeutlicht Thomas den Zusammenhang der Eucharistie mit der biblischen Überlieferung des Lebens und Todes Jesu Christi:. Gleichzeitig macht er klar: Unsere Sinne täuschen sich, denn wir sehen und sehen doch nicht, wir schmecken und schmecken doch nicht, wir berühren und können es doch nicht fassen. Entscheidend ist: „Doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir.“ Es ist das biblisch überlieferte Wort und der Glaube an die Wahrheit dieses Wortes, die uns das Vertrauen darin geben, dass Christus – unter diesen Gestalten – mitten unter uns ist. Es scheint mir nicht weit hergeholt, dass die reformatorische Tradition, die knapp 300 Jahre nach Thomas beginnt, uns durch ihr sola fide und ihr sola scriptura diese Spannung von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit Jesu Christi, von Greifbarkeit und Entzogenheit, von geglaubter Anwesenheit und scheinbarer Abwesenheit erhalten hat.

Dies alles scheint Grund genug, bei der ersten Fronleichnamsprozession in St. Petrus seit mehreren Jahrzehnten, auch einen ökumenischen Akzent zu setzen. Die Equipe St. Marien hat den Wunsch vieler Gemeindemitglieder, eine Fronleichnamsprozession zu feiern, aufgegriffen und die Idee entwickelt, dieses Zeichen ökumenischer Gastfreundschaft zu setzen. Die Lukasgemeinde hat dieses Zeichen von Beginn an sehr wohlwollend und engagiert angenommen. So entwickelte sich in einem ökumenisch zusammengesetzten Vorbereitungsteam seit Herbst 2017 in vielen Diskussionen, in einem Ringen, aber vor allem in einem guten Miteinander die Prozession von St. Marien über den Blumenhof und Campanile zur Lukaskirche in ökumenischem Geist.

Die erste Statio am Blumenhof wurde von Mitarbeiter/innen und Bewohner/innen der Begegnungsstätte SenTaBlu vorbereitet und stand ganz im Zeichen des Segens für die kranken, alten und verlassenen Menschen in unserem Viertel und in der Welt. Im Vertrauen auf den Christus mitten unter uns wurde die Bitte um Solidarität und Gemeinschaft gesprochen. Die Jugendlichen des Campanile an der Kirche St. Franziskus luden die Feiernden dazu ein, ihre Bitten im Zeichen des Weihrauchs zum Himmel zu schicken; vor dem Immenrather Kreuz sangen und beteten sie mit uns im Geiste des Heiligen Franziskus für die heilsame Veränderung der Welt, die sie unter den Segen Gottes stellten: „Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens...“. Auch wenn die Segensaltäre also nicht alle vier Himmelsrichtungen abdeckten, so versammelten sie doch in den alten und jungen Menschen symbolisch die ganze Gemeinde.

Und so zog die ganze Gemeinde, Junge und Alte, zur Lukaskirche, wo wir den sakramentalen Abschlusssegen gemeinsam feierten. Anschließend lud die Lukasgemeinde zu einem Umtrunk mit Imbiss ein; bei bestem Wetter kam es so noch zu vielen interessanten Gesprächen und einem frohen christlichen Austausch – ein wichtiger Baustein der Gemeindebildung und ökumenischen Kooperation. Herzlichen Dank für diese tolle Gelegenheit!

Viele waren an diesem Tag auf den Beinen – ihretwegen wurde dieser Tag so festlich und rund: Die Pfadfinder trugen den Baldachin, die Priester die Monstranz, Vertreter des Presbyteriums die Lutherbibel, die Messdiener Weihrauch, Kreuz und Kerzen, Curt Delander die Gertrudisfahne, Markus Wagemann die Marienfahne, die Kommunionkinder und kleinen Kinder aus der Kinderliturgie streuten Blumen, die Mitglieder des Vorbereitungsteams lasen die Litaneien und Psalmen, die Chöre von Petrus unter der Leitung von Klaus Krämer und die Bläser von Lukas mit Erhard Schwartz brachten musikalische Festlichkeit, die übrigen Mitfeiernden sangen, beteten und repräsentierten so gemeinsam Christus unter den Menschen...

Die Equipe St. Marien dankt ganz herzlich allen, die so mitgeholfen haben, diesen Tag so feierlich zu begehen – neben den oben bereits Genannten gilt noch ein besonderer Dank denen, die im Vorfeld und Hintergrund vieles zum Fest beigetragen haben: Barbara Schwerdtfeger für alle Drucksachen, den Helfer/innen der SenTaBlu und des Campanile für die Vorbereitung der Altäre und ganz besonders auch Volker Stein für die Vorbereitungen in der Kirche mit den Messdienern und seinen Zeremoniendienst.  

FĂĽr die Equipe St. Marien: Dominik Arenz