23. Mai 2010
Joh. 20, 19-23
Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. Das ist ein tiefer Seufzer und zugleich ein Aufschrei, der im 18. und 19. Jahrhundert durch unsere westeuropäische Geistesgeschichte geht. Ein Aufschrei und ein Schlachtruf sogar, sich der angeborenen Freiheit zu ermächtigen und gegen die Mächte aus Politik und Kirche aufzustehen, die diese angeborene Freiheit des Menschen niederhielten in einem durchaus unglückseligen Bündnis. Damit beginnt die Geschichte der Neuzeit – in den revolutionären Bewegungen und in den geistigen Kämpfen um das, was das Wesen des Menschen ist - und um die Befreiung von all jenen äußeren und inneren Hindernissen, die der Verwirklichung dieser Freiheit im Wege stehen! Der Weg hin zur wesentlichen Freiheit der Menschen ist ein Weg mit vielen Sackgassen in unserer Geschichte, - viel unschuldiges Blut klebt an diesen Wegen – wird dort vergossen.
– Bis auf den heutigen Tag fühlen sich auch nicht wenige Menschen mit dieser Freiheit, die da hochgejubelt wird, auch ein Stück weit überfordert! In der Tat ist es ja ein riskanter Weg, zu einem freien Menschen zu werden – ein riskanter Weg im Vollsinn des Wortes, der jedem Menschenkind bevorsteht, den jeder Mensch zu gehen hat, sobald er das Licht der Welt erblickt hat. Ein Weg der vollen Entfaltung der leib-seelischen Kräfte, denn Kinder kommen ja keineswegs als freie Menschen auf diese Welt. Sie sind abhängig nicht nur von der Sorge – sie sind zunächst einmal geborene Egoisten – die Eltern unter Ihnen wissen das, wissen auch um die
Mühseligkeit eines solchen Weges in die Freiheit der jungen Menschen, spätestens dann, wenn die Pubertät ihre ersten Anzeichen hervorbringt. Wir wissen eben auch um Versuch und Irrtum auf diesem Weg der Menschwerdung auf diesem Weg, der eigentlich erst da zu einem gewissen Abschluss kommt, wo der Mensch zur Selbstlosigkeit der Liebe und zur Solidarität in Gerechtigkeit befreit ist.
Es reicht also nicht aus, frei von inneren und äußeren Beherrschern zu werden. – Erst wenn wir erkennen, dass Freiheit eine Gabe für etwas ist – für das Gute, für die Gerechtigkeit der ganzen Menschheitsfamilie. Erst dann sind sie ja auf der Spur eines wirklich gelingenden Lebens! Und sie erfahren, dass Freiheit Grenzen hat, nämlich meine Freiheit an der Grenze des anderen.
Das ist ein schwieriger und langwieriger Lernprozess eben auch in der Geschichte unserer Kultur gewesen und so ist es eigentlich auch heute noch – bis in die Geschichte, in die Biografie eines jeden Menschen. Paulus umschreibt dieses Ziel – fast könnte man es mit diesem neuzeitlichen Fanal der Freiheitsbewegungen an den Ursprung setzen und sich wundern, dass die Menschen diesen Ruf des Paulus scheinbar vergessen haben – wir hörten es in der Lesung „Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht“ schreibt er den Römern und den Christen ins Stammbuch, sondern ihr habt einen Geist empfangen, der euch zu Söhnen und Töchtern Gottes macht. Und der Geist ist es, der in euren Herzen die Freiheit bezeugt – er, der Geist Gottes, macht uns zu Erben Gottes und Miterben Christi! Das ist eine ungeheure Ansage, die da von Paulus ergeht – und es ist erstaunlich, dass die Kirche im Verlauf ihrer Geschichte diese Freiheitsbotschaft immer wieder Gefahr lief zu verlieren, indem sie mit den Mächtigen Bündnisse schloss und dabei nicht immer die Freiheit der Gotteskindschaft der Einzelnen im Blick hatte. Paulus macht uns deutlich, dass Gott selbst diesen Weg der Menschheit und jedes einzelnen Menschen gewollt hat in diese Freiheit! Das der Weg einer Menschwerdung ist, an dessen Stelle nichts anderes treten kann, es sei denn um den Preis, dass der Mensch diese ihm von Gott geschenkte Würde verlieren kann. Gott selbst geht dabei auf volles Risiko, nämlich dass er selbst von den Menschen abgelehnt werden kann, missverstanden als willkürlicher Herrscher, als Ankläger, als Staatsanwalt, als Polizist oder als Handelspartner – oder wie immer unsere Gottesbilder betitelt sind, wenn sie von einer Sklavenmentalität geprägt sind, die noch nicht verkostet hat, welches Geschenk in der Freiheit der Kinder Gottes liegt.
So ist es berechtigt zu fragen angesichts der immer neuen Gefahr, in die der Mensch geät durch innere und äußere Mächte, die Menschen für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren wollen. Es ist doch immer wieder spannend zu fragen: wie findet Gott den Weg zu uns Menschen, ohne dieses kostbare Gut der Freiheit außer Kraft zu setzen? Denn ohne Freiheit gibt es keine Liebe, keine echte tragfähige Solidarität unter den Menschen. Ohne Freiheit ist das, was sich Liebe nennt, vielleicht ein wichtiges Gefühl – ist das, was sich Solidarität nennt, vielleicht ein Wert, doch letztlich keiner, der aus der Wurzel eines menschlichen Herzens kommt. Ist das Wohlverhalten eines Menschen eher Dressur, aber nicht Zustimmung zu einer menschlichen Fähigkeit, die keine neben anderen ist, sondern unsere Würde, unsere Größe, unsere Schönheit ausmacht, gerade im Schöpfungsplan Gottes - in der Tat Jesu, uns von den Mächten zu befreien, die uns versklaven und unter ihre Knute bringen und für sich dienlich machen wollen.
Wie lässt er – Gott – sich erkennen – gegen unser eigenes Besserwissen, gegen unsere Herzenshärte oder auch gegen unsere Resignation und Angst? Dies alles hindert uns, als Kinder Gottes aus der Freiheit zu leben und das Erbe anzutreten, dass uns Christus hinterlassen hat.
Wie lässt sich gerade da, wo es eben eine deformierte Freiheit ist, die vielleicht noch stecken bleibt in der Sehnsucht nach Befreiung von irgendwelchen Mächten – von kirchlicher Bevormundung vielleicht – oder von gesellschaftlichen. Strukturen, die uns vorgeben, was man zu tun, zu denken und zu sagen oder zu verschweigen hat!
Wie kommt da Gott zur Sprache mit seiner Einladung zur Freiheit des Menschen und zu einem Handeln, dass den ganzen Menschen wirklich zur Höhe seiner Möglichkeiten führt? Nein, es ist kein Widerspruch, das Geschenk der Freiheit an den Menschen und seine Fähigkeit, sich selbst zur Geltung zu bringen mit seinem Willen, dass der Mensch heil sei und befreit werde.
Das Pfingstfest gibt uns die entscheidende Antwort. Gottes Geist findet auch da den Zugang zum Menschen, wo er selbst seine Freiheit nicht groß genug denkt, wo er sich selbst noch meint emanzipieren zu müssen von irgendeinem Gottesgespinst oder Gottesgerücht. Wo er vielleicht selbst vergiftet ist in seinem Gottesbild, das von Macht und Missbrauch geprägt ist. Auch das gehört zur tragischen Geschichte unseres Lebens, dass manche Menschen so stark beeinträchtigt sind in ihrem eigenen Wachstum, in ihrer eigenen Entwicklung, dass sie meinen sich von Gott emanzipieren zu müssen, weil in Gottes Namen ihre Seele verbogen wurde!
Hat Gott da noch eine Chance mit seinem befreienden Handeln?
Wir werden Zeugen in der Liturgie des Tages, in den Texten, wie die Apostel hinausgetrieben werden aus den Mauern ihrer Angst, aus ihrer Verschlossenheit, aus ihrer Insider-Sprache, mit der sie sich selbst verständigen konnten, aber nicht den Kontakt zu anderen fanden.
Wie sie herausgetrieben wurden durch den Sturm des Geistes und wie sie – befreit von ihrer Angst eine Sprache finden, die allen zu Herzen geht. Eine Sprache, die den Menschen zu einer Hinwendung, zu einer Umkehr zu Gott befähigt – zu einem Gott, der wirklich die Liebe ist – der ihnen keine Angst einjagen will – ja, der mit ihren Verwundungen solidarisch ist und der sie befähigen möchte zur Umkehr, in einer Freiheit, die sich für die Güte, für die Liebe und die Solidarität einsetzt.
Der Heilige Geist schafft den Spagat zwischen der Achtung der Freiheit und der Durchsetzung der Liebeskraft Gottes mit uns – auch in unserer Zeit! Dabei entdecken wir, dass es immer um zwei wichtige Pole geht. Es geht um ein inneres Ergriffensein und eine innere Einstellung, die sich wandelt unter dem Einfluss des Geistes – und einer Umsetzung dieser inneren Berührtheit hin zu einer Umkehr zu neuen Lebensformen!
Die Zeugen jener Pfingstpredigt der Apostel sehen zunächst ein äußeres Ereignis. Da treten Leute auf, die einfache Fischer sind – Galiläer wie sie - und sie reden da wie betrunken, so zumindest empfinden es die Zuhörer. Das ist ein äußeres Ereignis, und das innere geht einher.
Es trifft sie mitten ins Herz – so der Text -. Sie reden miteinander – der Geist Gott will im Austausch zwischen den Menschen zu seiner Klarheit und Wirksamkeit finden! Sie fragen schließlich: Was sollen wir tun? Und damit kommt die Freiheit der Menschen ins Spiel, da, wo der Geist den Menschen ergriffen hat das Wort Gottes den Menschen ergriffen hat – wo sein Fühlen und Denken, seine Handlungskraft zusammenfließen, da ist er am Kernpunkt seiner Freiheit angefasst, ergriffen und gerührt. Dort kann er auch die entscheidende Umkehr vollziehen hin zu einer neuen Lebenspraxis, zu einem Lebensstil, der dann auch wirklich ein heilsamer ist hin zu einer Lebensform, wie sie Jesus vorgelebt hat und wie sie als Lebensstil so unüberbietbar in die Geschichte eingegangen ist.
Der Heilige Geist erschließt uns Christus als den Lebendigen und befähigt zur Entscheidung für das Leben mit ihm und das schließt immer auch Umkehr, Hinwendung zu ihm und Abkehr von Lebensformen ein, die schädlich und untauglich sind für eine Zukunft des Menschen.
Dies gilt für jeden einzelnen von uns und es gilt für das Kollektiv der Kirche – auch und gerade in diesen Zeiten! Wollen wir es dankbar feiern, was uns da immer wieder neu angeboten wird und es mitnehmen in die vor uns liegende Zeit, damit Kirche wieder das wird, zu dem sie berufen ist: Zeichen der Freiheit, Quelle der Freude und des neuen Lebens für alle Menschen.
Amen.
Pfarrer Adolf

