C-33-10
Lk 21,5-19
Vor zwei Wochen haben wir hier in St. Marien die großartige Aufführung von Mozarts „Reqiem“ erleben dürfen. Kaum einer der vielen Zuhörer konnte sich dem Schauer und der Erregung dieses einmaligen musikalischen Werkes entziehen. Im Zentrum stand die Vertonung des „Dies irae“ àTag des Zornes, Tag der Zähren …
Der Philosoph Schnädelbach bescheinigt dem Christentum sieben Geburtsfehler. Einer der schlimmsten sei dessen Rede vom Ende der Zeit, wenn Gott zum Gericht auftrete und jeder Einzelne von dem gerechten Richter zur Rechenschaft gezogen werde: Tag des Zornes, Tag der Jammerns …
„..Die ganze Bürde des "Jüngsten Gerichts" lastet jetzt auf jedem Einzelmenschen, der sich dabei dem "feurigen Pfuhl" als künftiger Alternative ausgesetzt sieht.“ Damit erzeuge die
christliche Rede von der Endzeit einen ungeheuer Druck. Das Christentum habe ein „Instrumentarium unablässiger Verunsicherung und Disziplinierung der eigenen Leute geschaffen. Selbst da, wo im Erbarmen Gottes ein Ausweg aus von den Ängsten verheißen wird, würden im gleichen Atemzug erneut die Ängste geschürt;; jede Feier des Requiems folgt diesem Mechanismus…..
Nun ist das „Dies irae seit dem Ende des letzten Konzils nicht mehr Bestandteil der Totenliturgie. Dennoch: Die Anfrage Schnädelbachs ist ernst zu nehmen. Ist das Fundament unseres Glaubens die Angst? Zu Spitze getrieben in den Reden über die Endzeit?
Dem Lukasevangelium des heutigen Tages geht eine „Weltuntergangserfahrung“ voraus, die gerade mal 20 Jahre alt ist à Zerstörung Jerusalems und seines Tempels… Gewaltiger Einschnitt in den jüdischen und den christlichen Glauben.
Bei den Christen spitzte sich bis dahin die Erwartung eines Weltendes mit der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Christi dramatisch zu. Nach der furchtbaren Kriegserfahrung war jedoch kein Gott, kein Christus zu erkennen, der der Zeit ein Ende bereiten würde.
Bei Lukas ist diese Katastrophe des Jahres 70 vorbei, die Panik abgeklungen, ja sogar die Erwartung eines Endes verflüchtigt sich. Es ist nicht mehr zu vermuten, dass das Ende bald kommt. Der Evangelist verstärkt das sogar: "Das Ende kommt noch nicht sofort"! Es geht ihm wie uns, wenn wir sagen: "Also, ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass das zu meinen Lebzeiten noch passieren wird." Wir erwarten in dieser Generation weder den Weltuntergang noch das Wiederkommen des Herrn. Aber so mitten im Leben und seinem Alltag vergessen wir ganz leicht, dass auch für uns die Zeit einmal abgelaufen sein wird, und zwar buchstäblich noch zu unseren Lebzeiten! Selbst wenn der Herr die nächsten 30, 50 Jahre nicht für alle Welt kommt, meine persönliche Lebenszeit wird bis dahin zu Ende sein.
Damit entwirft uns das heutige Evangelium zwei große Linien, die uns einen klaren Blick geben können. Die eine große Linie ist: Unglückspropheten haben am Evangelium keine Stütze. Gewiss, es gibt schreckliche Dinge, wie sie alle Tage in der Zeitung stehen: Krieg und Vertreibung, Explosionen und Morde auf offener Straße. Und es gibt die Verfolgung des Evangeliums. Kein Jahrhundert kennt so viele Märtyrer wie das vergangene 20. Jahrhundert. Auch in unseren Landen gab es sie. Und besonders gut geht es dem Evangelium auch in unseren Zeiten nicht. Christen sind oft genug Außenseiter. Aber das alles muss uns letztlich nicht in Panik versetzen. All das ist umfangen von einer Geborgenheit, in der uns nicht ein einziges Haar gekrümmt werden wird.
Die zweite große Linie klingt im heutigen Ruf zum Evangelium wie ein Leitmotiv: "Richtet euch auf, und erhebt euer Haupt; denn eure Erlösung ist nahe." Der aufrechte Gang und der Blick nach vorne gibt uns eine Perspektive. Mit diesem Blick in die Weite sehen wir: Unser Leben hat ein Ziel, nicht nur ein Ende. Nicht irgendetwas kommt auf uns zu, sondern die Erlösung erwartet uns. Wir brauchen schon einen Blick, der weiter reicht als bis zum Wochenende, weiter als der Wetterbericht, weiter als eine Wahlperiode, wie sie die Mehrzahl der Politiker im Kopf hat. Wir brauchen einen Blick, der uns den Nebel wegnimmt. Damit wir unsere Lebenszeit nicht nur verbrauchen, sondern sie füllen. Wenn unser Blick ein Ziel hat, gehen wir anders mit unserer Zeit um.
Durch diese zwei großen Linien bekommt unser Alltag große Würde: Der jetzige Augenblick wird gewissermaßen "ewigkeitstauglich". Alles, was wir tun, hat jetzt schon Bedeutung über den Tag hinaus. Wenn nach dem Kochen und Essen die Küche wieder aufgeräumt und sauber ist, heißt das abschließende Wort nicht: Und heute Abend schaut es hier wieder genauso aus, sondern: Da ist es Menschen am gemeinsamen Tisch gut gegangen. Sie haben gegessen und miteinander geredet. Und vielleicht haben sie sogar gesagt: Das war jetzt richtig schön miteinander. Und das hat bleibende Bedeutung. Da ist Liebe entstanden, und die vergeht auch am Ende nicht. Im Gegenteil, im Licht Gottes wird die Ernte des Alltags erst so richtig aufleuchten.
Die Rede von der Endzeit lässt uns fragen: Was möchte ich eigentlich mit meiner Lebenszeit anfangen - genauer gesagt: angefangen haben? Wir müssen uns ja nicht gleich eine Grabinschrift zurechtlegen. Aber vielleicht würde sich die Frage lohnen: Was möchte ich am Ende des Lebensabschnitts, in dem ich jetzt stehe, erreicht haben, getan, gelernt, erfahren haben? – Diese Frage mag sehr unterschiedlich sein für die jeweiligen Lebensetappen:
- Für die Zeit zwischen 20 und 30, in der ein Mensch nicht müde wird, könnten die Fragen lauten: Möchte ich wirklich Nacht für Nacht bloß um die Häuser gezogen sein, von Disko zu Disko? Was möchte ich, mindestens obendrauf, auch noch getan haben? –
- In der guten Phase des "langen Nachmittags des Lebens", zwischen 35 und 65, wäre zu überlegen: Möchte ich wirklich bloß von Termin zu Termin gehetzt sein, möchte ich wirklich nur Geld verdient haben? –
- Die jungen Senioren könnten fragen: Was möchte ich erledigt haben, solange ich es noch selber erledigen kann?: Haben wir heute mehr von der Zeit als frühere Generationen, denen der Krieg die Zeit gestohlen hat? Leben wir wirklich? Oder müssten wir, wenn wir ehrlich sind, auch sagen: Schade um die Zeit!?
Das ist die Botschaft heute.
Wir können leben in dieser Welt, hier und heute, in dieser Zeit und in diesem Augenblick, nüchtern und klarsichtig, ohne gelähmt wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren. Wir können sogar ohne all die Tröster und Vertröster leben, die das Glück von Konsum und unendlichen Erlebnissen verheißen, die den Konsum anheizen und uns bloß benebeln. Wir können leben als Gestandene, als "Entnebelte". Und wir dürfen uns in dieser unserer Welt wohlfühlen. Wir dürfen leben mit liebevoller und gelassener Aufmerksamkeit. Und wir können es tun mit einer Perspektive, mit dem Durchblick auf die Zukunft, die der Herr uns zugedacht hat.
Nicht Angst, sondern eine hohe Verantwortung und eine große Hoffnung schenkt uns unser Glaube. Amen.
Pfarrer Adolf

