B-03-12

Mk 1, 14-20

Das Thema unseres Lebens – Predigt am 22.01.12 

 In Marcel Reich-Ranickis autobiografischem Rückblick »Mein Leben« findet sich eine bewegende Szene. Reich­-Ranicki ist im Jahr 1979 in China unterwegs, auf einer literarischen Vortragsreise. Durch Zufall begegnet er in Peking in einem Kaufhaus dem großen Violinisten Yehudi Menuhin. Natürlich sind die beiden Männer zunächst sprachlos und verblüfft: Wie groß mag die Wahrscheinlichkeit sein, sich in einer so gigantischen Stadt wie Peking zufällig zu treffen? Es entwickelt sich ein kurzes Gespräch.

Was er in Peking mache, will Reich-Ranicki von Menuhin wissen. Dieser antwortet knapp: „Beethoven und Brahms mit dem hiesigen Orchester.“  Und was tue ein Literaturkritiker in Peking, fragt Menuhin zurück. „Ich halte hier Vorträge über Goethe und Thomas Mann“, antwortet Reich-Ranicki. Daraufhin schweigt Menuhin einige Augenblicke — und sagt dann: „Nun ja, wir sind eben Juden.“  Nach einer weiteren kurzen Pause: „Dass wir von Land zu Land reisen, um deutsche Musik und deutsche Literatur zu interpretieren — das ist gut und richtig so.“  Die beiden Männer sehen sich an: nachdenklich, schweigend, vielleicht auch ein wenig melancholisch. 

 Man könnte sich gut einen Roman vorstellen, der auf dieser Szene aufbaut und sie in den Mittelpunkt stellt. Der Autor würde dann die Le­benswege zweier Menschen schildern, die im Jahre 1916 in New York oder 1920 im polnischen Wloclawek geboren wurden und sich rund sechs Jahrzehnte später in der chi­nesischen Metropole zufällig begegnen.

Es wäre wohl ein realistischer Roman. Die Handlung würde die furchtbarsten Stücke der Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht aussparen. Sie würde aber auch davon sprechen, dass Menschen ein Lebensthema finden, das sie zeitlebens trägt und gar Kraft zur Versöhnung schenkt. „Nun ja, wir sind eben Juden“, sagt Menuhin zu Reich­-Ranicki — und will damit ihre „unmögliche“ Liebe zur deutschen Kultur erklären. Erklären auch, dass ihre „jü­dische“ Begeisterung für die Musik von Beethoven und Brahms, für die Werke von Goethe und Thomas Mann stärker ist als jedes Grauen der Geschichte.

 Ein Lebensthema haben, es entdecken und entfalten – Ist das nur eine Sache der ganz Großen, der Begabten, der einstigen Wunderkinder? Ob aber nicht jedes Leben unter ein Thema und ein Motto ge­stellt ist? Ob es nicht eine der wesentlichen Aufgaben eines jeden Menschen ist, in den vielen einzelnen Fäden seines Lebens dieses Thema zu finden und sich ihm zu stellen?

 Jesus verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! 

 Jesus es geht um die Ankündigung einer großen Wende, um die Überzeugung, dass die Verhältnisse zwi­schen den Menschen nur scheinbar unverrückbar und ewig sind – trotz Zwiespältigkeit, Wankelmut, Hass und Gewalt in unseren Beziehungen. Es geht um eine gute Nachricht — für die Armen und die Gefangenen, für die Blinden und die Zerschlagenen. In der Verkündigung dieser Guten Nachricht stoßen wir auf das Lebensthema Jesu.

 Jesus sieht nicht schwarz für die Welt. Auch wenn er den Herrschern dieser Welt kaum einen Sinn für Gerechtigkeit und Menschen­freundlichkeit zuzusprechen vermag (vgl. Mk 10,42), ist sein Wirken von der Gewissheit getragen:  die Welt besitzt eine absolute Zukunft, die mit dem Reich Gottes gleichzusetzen ist. 

 Aus diesem Grundthema, Jesu Lebensthema, folgt alles andere: die rigorose Forderung nach der Umkehr wie die behutsame Zuwen­dung zu den Kleinen, Verletzten und Zukurzgekomme­nen; die grundsätzliche Annahme der religiösen Tradition wie die Freiheit, sich ihren Zwängen zu entziehen, wo die Tradition sich verselbstständigt gegenüber den Ursprüngen.

 Das Besondere am Lebensthema Jesu: Es ist nicht allein auf ihn beschränkt. Um es zu verwirklichen, braucht er andere Menschen – damals und heute. Und es ist ansteckend, dieses Lebensthema Jesu. Menschen mit wachem Herzen und offenen Sinnen lasen sich tief in ihrem Inneren von ihm betreffen, entdecken in seinem Lebensthema das Ihrige. Dies ist der Vorgang der Berufung, auf die die ersten Jünger mit ihrer Nachfolge antworten.

 Berufung - Wir haben das Thema oft so hoch gehängt, dass wir bequem darunter hindurchschlüpfen können: Berufung, das ist vielleicht etwas für Pfarrer, für Bischöfe, für Mönche und Nonnen, aber doch nicht für mich. Doch die Erzählung von der Berufung der ersten Jünger zeigt in die entgegengesetzte Richtung: Da werden Fischer berufen, einfache Menschen ohne Vorbildung, ohne akademischen Grad. Berufung ist also durchaus ein Thema für jeden und jede. 

Die Berufung geschieht in der Alltagssituation, in der ich jetzt lebe. Und: Berufung hat immer etwas mit Menschen zu tun. „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“ Damals wie heute hört sich dieses Wort nicht gerade positiv an. Es klingt nach Menschenfänger, nach jemandem, der Menschen mit Versprechungen ködert, die sich letztlich in Luft auflösen. In die Logik des Reiches Gottes wird das Wort vom Menschenfischer einen positiven Sinn bekommen - so wie es von Jesus gemeint war. Dann macht dieses Wort deutlich: Menschen können aufgefangen werden im Beziehungsnetz derer, die sich um die Nachfolge Jesu mühen, es gibt ein Sicherheitsnetz für uns Menschen und für unsere Welt.

 Zufällig stieß ich unter dem Thema „Berufung“ auf eine Internetseite, wo die Aktualität des Themas „Berufung“ sehr treffend verdeutlicht wird. Dort wird eine Seminarreihe angeboten unter dem Motto „Berufung als Lebensstil“ Dort heißt es

„Die Seminarreihe ist das Richtige für Sie, wenn Sie ...

... sich persönlich weiterentwickeln wollen

... auf der Suche nach Ihrer ureigenen Berufung sind

... Ihre Potenziale und Ressourcen erkennen und erfüllend in Ihrem Leben

einsetzen wollen

... sich (beruflich) neu orientieren wollen

... Ihre Lebensgestaltung an Ihrer Berufung ausrichten wollen

... nicht nur ein Seminar besuchen wollen, sondern an Veränderung interessiert sind

Als Ziel und Nutzen werden ausgewiesen:

- Übersicht über Ihr Potenzial (Fähigkeiten, Persönlichkeitsstärken, Werte)

- Klärung Ihrer Berufung und Entwicklung von Perspektiven für Ihre Lebens-

und Berufsgestaltung

- Klarheit über die Einsatzfelder Ihrer Stärken und Überzeugungen

- Konzentration auf das Wesentliche (z.B. durch Planungshilfen)“.

 

Zum Abschluss noch einmal zurück an den Anfang:

 „Nun ja, wir sind eben Juden“, sagt der große Violi­nist Menuhin zu Marcel Reich-Ranicki. In dem kleinen Sätzchen ist eine ganze Kulturgeschichte angedeutet. Ich entdecke darin vor allem auch die Leidenschaft für eine gute Sache, eine inspirierte Mitte. Man mag ihr unter­schiedliche Namen geben, sie als Musik, als Literatur oder Religion identifizieren. Auf jeden Fall hat sie etwas mit dem Lebensthema eines Menschen zu tun — mit der Lei­denschaft für dieses Thema. Und manchmal frage ich mich — aber das ist vielleicht ein anderes Thema —, was es bedeu­ten würde, zu sagen: „Nun ja, wir sind eben Christen.“

 Peter Adolf

 

Quellen: 

Christian Heidrich, Auf der Suche nach der Glut. Essays zum Evangelium. Freiburg 2006, S. 31 ff;

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