Geschichte und Deutung des Altarmosaiks in Sankt Joseph
Zunächst nüchtern und blockhaft präsentiert sich der rote Backsteinbau der Josephskirche an der Ecke Kaiser-‐Karl-‐Ring/ Graurheindorfer Str. im Ortsteil Bonn‐Castell. Täglich fahren viele Menschen an ihr vorbei, ohne ihr größere Beachtung zu schenken. Kaum ein Tourist verirrt sich hierher, allenfalls in die Anlage der Didincirca. Die Zahl ihrer Besucher ist mit Ausnahme der Gottesdienstbesucher eher gering. Lässt sich der Besucher aber erst einmal auf die Architektur und im Innenraum auf die Gesamtwirkung ein, wird er sehr überrascht sein. Denn hat man den Bau außen umschritten, verlässt man den lärmenden Alltag durch eines der Rundbogenportale der Südfassade und steht zunächst in der Vorhalle der Kirche.
Die Josephskirche wurde Anfang der 30er Jahre des 20.Jhs. im Auftrag der Kirchenvorstandes der Stiftspfarre errichtet, da das Pfarrgebiet inzwischen für eine Kirche zu groß geworden war. Architektonisch legte man fortschrittlich besonderen Wert auf klare Strukturen, Form kubischer Körper und Sichtbarkeit des Altares im ganzen Innenraum. Da die Gemeinde finanziell nicht sehr begütert war beschränkte man sich bei der Ausstattung zum Teil zunächst auf Provisorien. Im Krieg erlitt auch die Kirche schwere Schäden, die es danach zu beheben galt. In diesem Kontext erstellte der damalige Pfarrer und Dechant Wormland für die Neuver-‐ glasung der Fenster ein theologisches Programm mit dem Titel: "Heilige als Führer zu Christus". So sollten auf den Kirchenschifffenstern wichtige Frauen und Männer, die wir Heilige und Selige nennen, dargestellt werden. Es handelt sich dabei um: Hl. Agnes, Selige Maria Goretti, Elisabeth v. Thüringen, Hedwig v. Andechs, Hildegard v. Bingen, Lioba, Helena, Päpste Pius X. u. XII., Petrus Canisius, Hermann Joseph, Heinrich II. Bonifatius und die Hll. Cassius u. Florentius. 1955-‐1964 entwarf Prof. Wilhelm Rupprecht aus Fürstenfeldbruck und Lehrer an der Aachener Werkkunstschule, die entsprechenden Fenster in Anlehnung an mittelalterliche Glasfenster. Die zwei an der Chorrückwand befindlichen Rundbogenfenster sollten laut Planung von 1963 Darstellungen Jesu in der Verborgenheit zeigen. Durch den Tod von Prof. Rupprecht ergaben sich Fragen der Fortführung das Rundfenster in der Südfassade betreffend. Man beauftragte letztlich Walter Benner, einen Meisterschüler Rupprechts 1966-‐1971 mit Entwurf und Aus-‐ führung. Thema: Der triumphierende thronende Christus umgeben von Weihrauchfass schwin-‐ genden Engeln. Im Rahmen einer umfassenden Umgestaltung des Altar-‐ und Innenraumes 1972-‐ 1975 erfolgte ein entscheidender Wechsel in der Wahl der beauftragten Künstler und der künstlerischen Ausstattung. Dies wird besonders deutlich in den ungegenständlichen Symbol-‐ und Ornamentfenstern und Türen des Künstlers Prof. Ludwig Schaffrath (Chor, Taufkapelle, Totengedächtniskapelle und Krypta). Wesentlicher Eingriff dieser Maßnahme war das Schließen von Sänger-‐ und Orgelbühne im Chor durch Fenster bzw. das Vermauern der zum Kirchen-‐ schiff geöffneten Rundbögen, Schaffung von Zugängen zu Sakristei und Krypta vom Kirchen-‐ schiff sowie gleichfalls Schließen der 3 Rundbögen sowie 2 Rundbogenfenster in der Chorrück-‐ wand. Schaffrath hatte bereits 1976 für die Totengedächtniskapelle im Vorraum der Krypta ein
erstes Wandmosaik aus verschiedenem Steinmaterial geschaffen. Mit den 1984 durchgeführten Sanierungsarbeiten sollte auch die künstlerische Gestaltung der Chorrückwand und gleich-‐ zeitig das theologische Programm seinen Abschluss finden. Auch hierfür erhielt Schaffrath den Auftrag. Nach entsprechender Begutachtung und Bewertung der Entwürfe durch die Kunstkom-‐ mission des Kölner Generalvikariats ließ der Kirchenvorstand ein entsprechendes Modell im Maßstab 1:1 an der Wand anbringen. Dies diente zum einen der Überprüfung der Wirkung, gleichfalls der Präsentation der Gemeinde. Hatten sich die Gemeindemitglieder an die gegen-‐ ständliche Gestaltung der Kirchenfenster gewöhnt, bereitete die gegenstandslose und sym-‐ bolträchtige Form des Stils des modernen Künstlers manchem Verständnisschwierigkeiten. Diese Kunst erschließt sich nicht auf den ersten Blick, sondern bedarf der intensiven Be-‐ trachtung und Auseinandersetzung von Alltäglichem künstlerisch Transformiertem.
Es gilt nun kurz das Mosaik zu beschreiben: Der Künstler fertigte drei unterschiedlich gestaltete Platten (längsrechteckig, quadratisch mit einer schrägen Seite, querrechteckig mit einer schrä-‐ gen Seite), die unterbrochen von unterschiedlich großen Abständen den Abschluss der Wand vom Altar bis zur Decke bilden. Die einzelnen Platten sind auf Träger vor die Wand gesetzt. An-‐ stelle von in Mörtel versetzten Tessarae verwendet Schaffrath verschieden farbiges Steinmate-‐ rial in Plattenform, bis hin zu Abfallstücken, bei denen noch die Bearbeitungsspuren von Boh-‐ rer und Meißel sichtbar sind. Die Platten lieferte die Firma Oidtmann, Linnich, und hat diese dann auf die Platten aufgeklebt. Thema des Mosaiks ist auch hier: Heilige als Führer zu Chri-‐ stus. Der Künstler löst die Aufgabe wie folgt: er wählt als zentrales Motiv den Weg, der Wegga-‐ belung und der Kreuzung als Symbol des Lebensweges eines jeden Menschen. Dieser wird als eine goldene Bahn dargestellt, die an der Basis des Mosaiks beginnt und sich nach oben in Brüchen fortsetzt. An entscheidenden Gelenkstellen wurden Reliquien hll. Männer und Frauen sowie Seliger und Theologen unter weißen Rundplatten und mit Kreuzen gekennzeichnet eingelassen, die jedem Menschen als Vorbild dienen sollen. Es handelt sich dabei um: Selige Maria Goretti, Stadtpatrone Cassius und Florentius (von denen gleichfalls Reliquien im Kryptaltar ruhen und die auch schon im Kirchenfenster erscheinen), Pauline v. Mallinckrodt ( deren Schwestern der christlichen Liebe 1904-‐1996 im Agnes-‐Stift wirkten), Kirchenlehrer Albertus Magnus, Hil-‐ desheimer Bischof Godehard, Hedwig v. Andechs (Patronin der Vertriebenen aus Schlesien), Bischof Lambertus v. Maastricht und eines unbekannten Heiligen). Die 3. Platte des Mosaiks ist leicht versetzt unterhalb der Zeltdecke angebracht. Die einzelnen Bahnen des Weges fassen unterschiedlich geschnittene verschiedenfarbige Steinplatten ein, die zum Teil in diagonaler oder horizontaler Lage verlegt sind. Die Wirkung des Mosaiks lebt sehr vom Wechsel des Tages-‐ lichts, erhält seine besondere Wirkung und Strahlkraft aber durch eine spezielle Beleuchtung. Mit diesem Wissen erschließt sich das anfangs etwas sperrige Kunstwerk, das zugleich den Abschluss des Weges der Heiligen zu Christus darstellt, der im südlichen Rundfenster mit dem Christus Triumphans seinen Höhepunkt christlichen Lebens erhält.





